Karl Valentin

Die Erschaffung der Isar

Heute Nachmittag drei Uhr dreißig sind genau achthundert Jahre verflossen
seit Bestehen unserer Isar

 

Das Isarbett selbst wurde erbaut von

 

Herzog Jakob dem Wäßrigen.

 

Seine Gemahlin, die spätere Kronprinzessin Cenzi von Harlaching

 

… und der frühere Kurprinz Maximilian der Wamperte, Großherzog von Kleinhesselohe
waren bei der Isarenthüllung zugegen.

 

Es war ein feierlicher Akt, ein historisches Jubiläum, als die ganze Münchner Bürgerschaft,
der Stadtmagistrat samt den Stadtvätern auf der Fraunhoferbrücke standen
und jeden Moment auf die ersten Isarwellen warteten.

 

Auf der damaligen Praterinsel standen schon Böller salutbereit,

 

die kleinen Häuser …

 

… und Herbergen
waren schon den ganzen Tag illuminiert in den Münchner Stadtfarben

 

und Tausende gelbe und schwarze Flämmchen
leuchteten in den sonnigen Tag hinein.

 

Punkt vier sollte der grüne Fluß eintreffen,

 

aber es wurde später und später, und kein Tropfen Isar war zu sehen.

 

Es wurden sofort Extrablätter verteilt mit der Inschrift:
»Isar noch nicht eingetroffen, eine Stunde Verspätung«

 

Große Bestürzung unter der Bevölkerung, aber das Volksgemurmel wurde durch ein
eigenartiges, unleises Rauschen unterbrochen – ein kurzes Horchen der Menge,
und aus tausend Kehlen schallt es durch die Auen:

 

»Die Isar kommt,

 

die Isar kommt,

 

die Isar kommt,

 

die Isar ist schon da.

 

Vom Frauenturm herab (der allerdings erst später erbaut wurde) hielt
Bürgermeister A. Bcdef eine Ansprache, welche durch das damalige trübe Wetter
für die Allgemeinheit sehr schwer verständlich war;

 

nur der Turmwächter, welcher die Rede mitstenografierte,
konnte dieselbe der Nachwelt überliefern.

Die Ansprache lautete:

 

 

Aber Gott läßt seiner nicht spotten, nach dem letzten »Hoch« stieg der Pegel
auf ein – zwei – drei – vier – fünf und gar sechs Meter,

 

die gutmütige Isar schäumte gelb vor Wut,

 

die haushohen Wellen waren mindestens ein bis zwei Meter hoch,

 

die am Ufer stehenden Menschen flohen in die Stadt

 

ins Hofbräuhaus, welches bald überfüllt war,

 

der Rest zog traurig von dannen – in die Kirche.

 

Und einige Tage später war aus dem Hochwasser
ein Niedrigwasser geworden …

 

… und wurde noch öfters Hochwasser,

 

und 1899 wurde es gleich so hoch, trat wieder aus den Ufern heraus,

 

riß alle modernen Eisenbetonbauten um,

 

die unmodernen alten Holzbrücken blieben stehen.

 

Da wurde es den technischen Wasserbaumenschen einmal zu dumm,
und sie sprachen: »Schluß mit den Überschwemmungen!«

 

Sie bauten Kaimauern in München,

 

und zwar so hoch, daß die Isar niemals mehr über die Ufer fließen kann,

und die Geschichte war für immer erledigt.


Rekonstruktion einer als Dia-Show vorgetragenen Nummer aus der Karl-Valentin-Revue von Johanna Baumann, ca. 1983.

© Reiner Conrad 2005